Herausforderungen im Home Office – mein Interview für Deutsche Welle DW Russland

On 1. März 2021 by Jens Jannasch

DW: „Spätestens mit dem neuen Shutdown sitzen viele Angestellte wieder im Homeoffice, die Politik diskutiert sogar einen Anspruch auf Heimarbeit. Gleichzeitig sagen viele, die von zu Hause aus arbeiten, dass das Homeoffice Motivationskiller sein kann. Wie kann man effektiv im Homeoffice arbeiten? Können Sie irgendwelche Tipps geben?“

Gerne beantworte ich Ihnen hier ein paar Fragen zum Thema Home Office, was ja tatsächlich aktuell heiß diskutiert wird. Was nun der richtige Weg ist und was nicht kann denke ich niemand endgültog beantworten, da es jeder für sich „herausfinden“ muss ob HomeOffice zu ihm passt oder nicht. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass ich den Gedanken vom Home Office immer sehr charmant fand.

Das entspannte Bild im Homeoffice auf der Couch hat nichts mit der Realität zu tun“

Man sieht in den Medien hierzu schicke Wohnzimmer, man setzt sich mit Kuscheldecke und einen heißen dampfenden Kaffe auf sein Sofa und nimmt entspannt den Laptop auf den Schoß. Spätestens am ersten Tag HomeOffice merkt man aber: das hat alles nichts mit der Realität zu tun.

Als erstes fällt vielen auf: das Gefühl zu Hause zu bleiben während der Arbeitszeit setzt einige psychisch unter Druck. Nicht wie gewohnt den morgentlichen Rhytmus nachzugehen. Hier merken schon die ersten, dass es sich „komisch“ anfühlt nicht am gewohnten Arbeitsplatz zu sein, auch wenn man ihn an sich gar nicht so prickelnd findet. Dann geht es weiter mit der Ausstattung. In vielen Unternehmen ist die digitale Infrastruktur noch gar nicht vollumfänglich abrufbar. Sei es ein VPN Zugang um auf die digitalen Akten zuzugreifen oder fehlende Datenschutzberechtigungen diese auf externen PCs abzurufen. Ebenso fällt dann eventuell auf, dass die Datengeschwindigkeit zu Hause viel schlechter ist als im Büro. Zumal in Ballungsgebieten zahlreiche Menschen zur gleichen Zeit zu Hause arbeiten und man, wenn man nicht gerade ein teures Glasfaserdatenkabel hat, spürbar langsamer im Netz unterwegs ist.

Schnell merkt man auch, dass die Idylle gemütlich mit dem Laptop auf dem Schoß zu arbeiten eine Katastrophe ist. Sowohl ergonomisch bedenklich, als auch praktisch kompliziert. Schließlich ändert sich ja nichts am Aufgabenumfang den man zu Hause erledigen muss. Denn HomeOffice heißt nicht Frühjahrsputz, sondern es ist auch rein arbeitsrechtlich eine Verpflichtung hier dem Arbeitgeber im gewohnten Umfang die Arbeitsleistung zu liefern. Nur eben von einem anderen Ort aus.

DW: „Ist das Homeoffice generell empfehlenswert oder nicht?“

Ich kenne viele die, nach dem sie schnell die Illusion des „gechillten“ Sofaarbeitens ad acta gelegt haben merken, dass sie sich zunehmend zu Hause unwohl fühlen. My home is my castle. „Früher“ hat man Feierabend gemacht, den Kopf probiert abzuschalten und die Arbeit aus den eigenen 4 Wänden versucht weitestgehend raus zu lassen. Nun ist die geballte Ladung Arbeitsleben in mitten der privatesten Intimsphären. Zu Hause. Nicht jeder hat die Möglichkeit sich seinen Arbeitsplatz an einem großen Esstisch aufzubauen. Sich Büromäßig einzurichten und zu organisieren. Dazu fehlt oftmals einfach der Platz. Und so wird aus der Idylle Homeoffice ein Chaos. Akten, Papiere, PC, Unterlagen liegen neben Zeitungsabos, Werbung, Rechnungen, Frühstücksteller. Privat und beruflich vermischt sich immer mehr und es fällt oft schwer hier zu trennen.


Zu dem gibt es beim Home Office auch zwei Lager. Die einen können zu Hause sich nicht konzentrieren und machen alles außer sich auf die Arbeit zu fokusieren. Das aber nicht aus Gleichgültigkeit sondern weil sie es nicht schaffen sich zu Hause am Esstisch auf die Abeit zu konzentrieren. Es fällt auf, dass zunächst der Geschirrspüler ausgeräumt weden muss, der Tisch abgewischt werden müsste, der Boden könnte auch mal durchgefegt werden. Jetzt fehlt auch noch die Milch für den Kaffee, also nochmal schnell zum Einkaufsladen. Und schon sind mehrere Stunden um ohne effektiv gearbeitet zu haben- was dann in Stress und einem ordentlich schlechten Gewissen ausarten kann.

DW: „Welche positive und negative Erfahrungen haben Sie persönlich im Homeoffice gemacht?“

Ich gehöre zu dem andere Lager. Es loggt sich früh morgens am PC ein und ackert ohne Pause durch. Kaffee trinken? Oh nein! Ich bin doch zu Hause und nicht im Büro, da kann ich jetzt keinen kaffee trinken. Frühstückspause: Fehlanzeige. Schnell ein Knäcke am PC essen. Der Frühstückstisch ist ja eh mit den Arbeitsmaterialien belegt. Das Gefühl immer zu jeder Minute erreichbar und präsent zu sein um den Chef zu zeigen: ich arbeite tatsächlich zu Hause und liege nicht auf der Couch.
Natürlich gibt es noch ganz viele Menschen die eine Mischung aus allem sind 🙂

„Home Office meets Home Schooling – Großraumatmosphäre am Wohnzimmertisch“


Richtig kompliziert wird es dann noch, wenn ein Kind im HomeSchooling ist. Ein Kraftakt wenn es mehrere Kinder sind. Da macht der Internetanschluss schnell schlapp. Vorausgesetzt es gibt (was eigentlich utopisch ist) für jeden der zu Hause ist einen eigenen PC. Wo soll das alles stehen? Der Jüngste hat eine Deutsch Videokonferenz zur gleichen Zeit wie die Große eine Englischkonferenz Online hat. Man selbst bekommt einen Anruf von einem Kunden. Großraumbüroatmosphäre am Wohnzimmertisch. 

Man schreibt gerade ein Angebot. Die Kinder müssen aber ihre Arbeisblätter ausgedruckt bekommen. Und die bearbeiteten wieder hoch laden. Und alle Eltern wissen: auch das noch so brave Kind hält es keine 8 Arbeitsstunden aus Rücksicht auf das HomeOffice zu nehmen.
Ich habe mich mit vielen unterhalten, die das HomeOffice als ein absoluten Wunscharbetsplatz beschrieben haben. Aber seit den LockDowns und der praktischen Erfahrung damit ihre Meinung grundlegend geändert haben. Sei es auf Grund der oben genannten Prolematiken oder weil sie einfach gemerkt haben, dass der direkte Austausch mit einem Team und mal eben ein Feedback im Nachbarbüro zu bekommen unersetzlich sind.

Coachees von mir, welche sich mit dem Home Office optimal arrangiert haben berichten aber auch teilweise, dass sie sich sozial fast gänzlich isoliert haben, wobei sie auch hier aufpassen müssen nicht in eine völlige Isolation zu geraten aus der sie nicht mehr ohne Unterstützung heraus finden.
Ein idealer Arbeitsplatz wäre, so berichten die meisten, wenn man sowohl einen Platz in der Firma hat, unter anderem auch für den sozialen Austausch und Meetings, aber auch die Möglichkeit hat bei Bedarf von zu Hause zu arbeiten.

Was eine weitere positive Erkenntnis der LockDowns ist: Es ist viel effektiver Meetings in anderen Städten oder mit langer Anfahrtszeit als Zoom/Skype/ Teamsmeeting zu machen als den ganzen Tag für wenige Stunden Besprechung umher zu reisen. Natürlich gibt es Meetings/ Geschäftsgespräche welche ein persönliches treffen nicht ersetzen können. Aber ein Großteil der Geschäftsreisen wurde für die Zukunft hinterfragt.

DW: „Wie motivieren Sie sich in Ihrer Arbeit, wenn Sie im Homeoffice sitzen?“


Ich persönlich war (und bin) eher der Typ, der keine Pausen gemacht hat und stark durstend neben der Wasserflasche saß und ein schlechtes Gewissen hatte mal kurz den Küchentisch zu verlassen. Aber auch ich habe mich arrangiert und durch Gespräch dazu gelernt. Ich habe in meinem Outlook Frühstück- und Mittagspausen und Feierabend als Terminserie eingepflegt und probiere diese auch einzuhalten. Da meine Tochter im HomeSchooling ist arbeiten wir viel gemeinsam an einem Tisch. Nur zu Meetings und Telefonaten gehen wir in ein anderes Zimmer und schließen die Tür hinter und uns probieren in dieser Zeit Rücksicht zu nehmen. Was meistens funktioniert 😉 Und wir wissen es seit dem Lock Down viel mehr zu schätzen in einer Wohnung mitten in Berlin zu leben, in welcher wir die Möglichkeit haben uns zurück zu ziehen.

Das Interview führte Natalija Korolewa

Anbei der Link zu der Veröffentlichung auf Deutsche Welle Russland.

https://www.dw.com/ru/kak-ne-vygoret-na-udalenke-sovety-nemeckogo-biznes-trenera/a-56221237

Wie kommen Sie durch diese Zeit und welche Erfahrung haben Sie mit Home Office gemacht?

Gerne können Sie Ihre Erfahrungen in die Kommentarleiste schreiben und damit eventuell anderen Tips, Anregungen geben oder einfach zeigen: hey: mir geht es geau so (gut/schlecht) wie den anderen!

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Gesundheit und kommen Sie gut durch die Zeit!

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